Thesen
1. Die
Erforschung des menschlichen Körpers auf der Ebene des
chemisch-physikalisch
Meßbaren hat zu großartigen Erfolgen in der Medizin
geführt, das ist unzweifelhaft.
Dies jedoch als einzige „wissenschaftliche“ Realität
anzusehen, ist eine unzulässiger Reduktionismus, der die
Realität des kranken
Menschen nur in Ansätzen Rechnung trägt.
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2. Die
dualistische
Lehre, eine Trennung der Welt in eine „res cogitans“ und
eine „res extensa“, also in eine
seelisch-gedanklich-spekulative und eine wissenschaftlich
erfaßbare und reproduzierbare Welt - gehört in die
Asservatenkammer der Kulturgeschichte, zumal die Anlehnung an die
philosophischen Ideen Descartes nur unvollständig waren.
Vielmehr ist ein Paradigmenwechsel (Kuhn
1973) nötig, um die Komplexität belebter biologischer
Systeme (also auch des Menschen) zu verstehen. Dabei handelt es sich um
ein anderes Konzept für Realität als im Bereich der
unbelebten Natur.
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3. Ärztliches Denken
und Handeln ist in
erster Linie von den jeweils gültigen Denkmodellen und Leitideen
abhängig. „Humanmedizin“ braucht ein anthropologisches
Konzept - ein Menschenbild - dass, … „biologische,
pychosoziale und kulturelle Konzepte für Realität integriert,
denn menschliche Wirklichkeit besteht aus verschiedenartigen,
interdependenten Bereichen. In jedem dieser Bereiche braucht der Arzt,
ein anderes Konzept für Realität, um die Deutungs- und
Handlungsanweisungen, dass heißt, die diagnostischen und
therapeutischen Hinweise zu finden, die sein Handeln
ermöglichen.“ (Aus: Thure
von Uexküll: „Theorie
der Humanmedizin”, 1991)
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4. Der Irrtum eines psycho-physischen
Parallelismus:
Durch die Spaltung in eine somatische und eine psychologische Medizin
laufen wir Gefahr ein Gesundheitssystem zu entwickeln, in dem es eine
„Medizin für Körper ohne Seelen mit hochspezialisierten
Organkliniken” und eine Medizin für Seelen ohne Körper
mit Neurosekrankenhäuser und Psychiatrischen
Anstalten gibt. In einem derartigen Gesundheitssystem sind nur zwei
seltene Extremvarianten von Patienten optimal versorgt: Kranke mit
organischem Leiden ohne seelische Probleme und Patienten mit seelischen
Erkrankungen ohne somatische Erscheinungen. (Aus: Thure von Uexküll:
„Theorie der Humanmedizin”, 1991 s. o.)
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5. „Eine
ganz wesentliche Frage ist, ob der Arzt sich auch weiterhin fachgerecht
für die Belange eines menschlichen Wesens einsetzen können
wird oder
lediglich ein Techniker zu sein hat, der das eine oder das andere
schlecht
funktionierende Körperteil betreut.
Das Gesundheitswesen ist - anstatt ein berechenbares System
darzustellen - zu einem Mischmasch von körperschaftlichen
Lehensgütern
geworden, deren zentrales Anliegen es ist, die Profitabilität
für Investoren und
Wagniskapital so ertragreich wie möglich zu gestalten. Um dieses
Ziel zu erreichen, werden
zeitintensive klinische Entscheidungen von Ärzten verkürzt
und beschnitten.
Willkürliche Bestimmungen, deren Befolgung von einer ins Kraut
schießenden Bürokratie
von Technokraten überwacht wird, durchdringen heute einen jeden
Bereich klinischer
Zuständigkeiten, handele es sich nun um die Verschreibung von
Medikamenten, die Notwendigkeit den Patienten an einen Spezialisten zu
überweisen, die
Dringlichkeit eines Besuchs in eine Notfallambulanz oder die
Zweckmäßigkeit einer
Hospitalisierung. Das gegenwärtige System einer so genannten
„gemanagten”
Gesundheitsfürsorge („managed care”) beraubt nicht nur
Ärzte ihrer
beruflichen Zuständigkeit, sondern auch - und das ist noch viel
schlimmer - die Patienten ihrer
Persönlichkeit.” (Aus:
Bernhard Lown: „Die
verlorene Kunst des Heilens”,
Schattauer 2002)
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6. In
der gegenwärtigen gesundheitspolitischen Debatte über
Qualitätssicherung und Senken von Kosten im Gesundheitswesen wird
nur selten beachtet: Die Krankheitsverläufe einer zunehmenden Zahl
von Patienten lassen sich
wegen ihrer Komplexität nicht vernünftig in Behandlungsdaten
abbilden.
Starre Regeln schaden der Gesundheit. Eine
„Rechtsverordnungsmedizin” tritt
anstelle einer evidenzbasierten Medizin. Die Spezialisierung innerhalb
der
medizinischen Fachgebiete erschwert es dem Arzt, alle Aspekte eines
Krankheitsfalles
zu erfassen. Dies ist aber dringlich notwendig, sollen Patienten
kunstgerecht
behandelt werden. Behandlungsplan und Leitlinien vermögen da nur
begrenzt
Abhilfe zu schaffen, schon wegen des rasanten Tempos wissenschaftlichen
Fortschrittes
können sie allenfalls als Wegweiser dienen. (Aus: „Sackgasse
der Medizin -
Behandlungsplan als gefährlicher Irrweg?” FAZ vom 08.10.08)
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7. Pathogenese vs. Salutognese:
Ärzte und Patienten leben in ihren eigenen Welten:
- Das pathogenetische Weltbild der klassischen Medizin,
in dem Krankheiten als Störungen in einem komplizierten
anatomisch/biochemischen System lokalisiert und bekämpft werden
müssen.
- Das salutogenetische Weltbild der Patienten, die sich
fragen, wie sie als Individuen mit ihrer eigenen psycho-sozialen
Biographie gesund werden können, - auf welchem Weg auch immer!
Wir Ärzte sollten für diese Welt zunehmend eine offenes Ohr
entwickeln.
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8. Die individuelle Wirklichkeit des
Patienten zu erkennen und einzubeziehen, wird immer mehr die Aufgabe
einer zukünftigen Medizin sein. Auch wenn der Kranke alle
möglichen unkonventionellen und nach momentanem medizinschem
Standard nicht nachvollziehbaren Wege eingeschlagen ist, oder
einschlagen will.
Wissen wir wirklich, was unsere Patienten abseits der Medizinbetriebes
und unserer Praxen zusätzlich unternehmen, um gesund zu werden?
Haben sie den Mut es uns zu sagen?
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9. Moderne high-tech-Medizin und
komplementäre Naturheilverfahren gehören zur Entwicklung
einer zukünftigen Medizin immer näher zusammen. Das
heißt aber auch, dass beide Seiten ihre Sperren und Dogmen in den
Köpfen beseitigen, statt sich zu diskreditieren, d.h.:
- auf Seiten der klassischen Medizin anzuerkennen, dass
die Patienten
natürliche Heilverfahren wollen und dass sich eine Parallelwelt
entwickelt hat zur
Schulmedizin
- und auch ein grauer milliardenschwerer Markt!
- auf Seiten der komplementären Medizin
anzuerkennen, dass deren
Verfahren Grenzen haben, und daß die Nichtbeachtung dieser
Grenzen den
Patienten in Gefahr bringen kann. Ferner, dass sie transparent wird und
nachvollziehbare Methoden anbietet im Sinne einer evidenzbasierten
Medizin.
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10. Wenn moderne high-tech-Medizin und
biologische Erfahrungsmedizin in einen Dialog eintreten, könnte
für den Patienten nicht mehr oder weniger herauskommen, als: Das
Beste aus zwei Welten zu erhalten!
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11. Wenn wir die Jagd auf das
endgültige, einzig wahre Gedankensystem abblasen, kommen wir zu
etwas Neuem: Erst im Pluralismus der wissenschaftlichen Gedanken ,
Experimente, der exakten Beobachtung am Patienten und dem Zuhören
- ergibt sich eine lebendige Spannung und verhindert starre
Denksysteme.
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12. Armand
Trousseau (1801-1867) wurde zu den ganz großen
Ärzten des frühen 19. Jahrhunderts; ihm verdanken wir
entscheidende Einsichten zur Diphtherie, Gelbfieber und
Phlebothrombose. Ausführlich ging er auf die Prinzipien der
ärztlichen Lehre und der klinischen Forschung ein: „Ehedem galt Medizin als Kunst und
ihr Platz war neben der Kunst, der Poesie, der Malerei, der Musik;
heute sucht man aus ihr eine Wissenschaft zu machen. Das Wesen einer
Wissenschaft liegt in der Behandlung von geistigen Einwirkungen auf
konkrete und abstrakte Stoffe, wobei die Individualität jedoch
ausgeschlossen bleibt; wo indes die Idee der Individualität
selbstverständlich und deutlicher wird, da erblicke ich das Wesen
der Kunst. Nach dieser meiner Definition darf ich die Medizin wohl als
Kunst betrachten.”
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13. Holistische Medizin: Der Mensch sei,
so sagt man dort, eine Einheit von
Körper, Seele und Geist. In der Geschichte der Medizin haben wir
jedoch deligiert:
- den Körper an den Mediziner oder
Somato-Spezialisten,
- die Seele an den Psychologen und
- den Geist an den Theologen oder Philosophen, einen
für echte „Natur”-wissenschaftler vollends
obskur-spekulativer Bereich!
Wir sind durch diese Trennung, sowohl in der Landwirtschaft, wie auch
in der Medizin in Sackgassen geraten.
Im Bereich des täglichen Lebens hat unser Abgeschnittensein
von der Welt des Geistigen tiefgreifende Konsequenzen für
Ökologie, soziales Leben, industrielle Produktion, individuelle
Sinnfragen des Lebens sowie unseren Umgang mit Krankheit und
Gesundheit. (D. Helling, 1995)
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14. Auch uns Ärzten kann eine lebendige
Auseinandersetzung mit verschiedenen gedanklichen Ansätzen und vor
allen Dingen mit der Realität des Patienten nur gut tun.
Deshalb schließe ich mit dem römischen Philosophen, Juristen
und Staatslenker Seneca (4 v. - 65
n. Chr.):
„Jetzt, solange das
Blut noch warm, das Leben noch frisch ist, müssen wir uns an das
Bessere machen. Bei dieser Lebensweise erwartet dich eine viel edlere
Wissenschaft, Liebe zur Tugend und Übung in ihr, Vergessen der
Begierden, die Kunst zu leben und zu sterben, ein Zustand tiefer
Ruhe.”
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Dieter
Helling
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Neujahr 2009
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